Fahne Schatten

Keine Zeit fürs Wochenbett

Rosalie* ist 24 Jahre alt und arbeitet in einer grossen Kiosk-Kette. Ihr Arbeitstag dauert 12 Stunden von sieben bis sieben, sechs Tage die Woche. Der Lohn dafür beträgt umgerechnet 80 Franken pro Woche…


Bei einer empresa (Firma) angestellt zu sein bringt mehr Ansehen und Lohn als wenn frau als Haushaltshilfe arbeitet, auf Kinder aufpasst oder in einem Tante Emma Lädeli arbeitet.

Ein Kind ist unterwegs

Als Rosalie schwanger ist, will ihr Freund nichts mehr von ihr wissen und macht sich aus dem Staub. Von ihren Eltern wird Rosalie auf die Strasse gestellt da sie keinen Ehemann vorweisen kann wie ihre vier Schwestern, die alle mit Mann und Kindern im Haus der Eltern leben. In der Not kommt Rosalie bei einer Arbeitskollegin und deren Verlobtem unter. Die drei teilen sich zwei Zimmer.
Rosalie bringt ihr Kind im städtischen Krankenhaus zur Welt, die Geburt ist unkompliziert und dauert nur kurz. Einen Tag später verlässt sie das Spital. Um ihre Kollegin und deren Partner nicht zu stören, verbringt Rosalie mit ihrer Tochter die Tage mehrheitlich auf der Strasse. Einmal geht sie zum Haus ihrer Eltern, diese öffnen ihr jedoch nicht einmal die Tür.

Wochenbett mit vielen Sorgen

Sieben Tage nach der Geburt kommt Rosalie im Yach’il Antzetic vorbei und bittet um Hilfe. Sie sucht eine Person die auf ihre Tochter aufpasst, damit sie fristgerecht nach 15 Tagen „Mutterschaftsurlaub“ ihre Arbeitsstelle wieder antreten kann. Als westlich orientiertes Unternehmen erlaubt die Kiosk-Kette den Arbeitnehmerinnen nicht, ihre Babys mit zur Arbeit zu nehmen. Dies ist in anderen Läden durchaus üblich da die Arbeitstage lang sind und viele Frauen ihre Kinder stillen.

Beratung und Angebot des Yach’il Antzetic

Die Hebamme Mary hört sich Rosalies Sorgen an. Zu dritt besprechen wir mögliche Auswege aus dieser Situation. Krippen nehmen hier Kinder meist erst ab dem ersten Geburtstag auf. Niemand aus Rosalies Umfeld kann oder will die Aufgabe der Kinderbetreuung übernehmen. Mary empfiehlt Rosalie, ihr Kind als allererstes offiziell registrieren zu lassen um ein Dokument zu besitzen, das die Kleine als ihre Tochter ausweist. Offenbar sind diese bürokratischen Wege hier nicht automatisiert. Obwohl das Mädchen im Krankenhaus zur Welt kam muss die Mutter sich selbst um dessen Registrierung kümmern.
Weiter rät Mary Rosalie dringend davon ab, das Kind einer fremden Person zur Betreuung zu überlassen. Es komme nämlich nicht selten vor, dass die Babys „gestohlen“ und auf undurchschaubaren Wegen verschwinden würden. „Hast du dir einmal überlegt was passiert, wenn die Kleine krank ist oder bei dir irgendwelche Komplikationen auftreten? Und wie willst du das mit dem Stillen machen?“ fragt Mary Rosalie. Soweit habe sie nicht gedacht, entgegnet Rosalie immer kleinlauter, schaut die ganze Zeit ihr Töchterchen an und streichelt es gedankenverloren. Da Mary selbst alleinerziehende Mutter ist und schon viele betroffene Frauen betreut hat, versteht sie sehr gut welche Sorgen Rosalie umtreiben.
Das Leben sei nun nicht mehr wie vorher, gibt Mary Rosalie zu verstehen. Sie müsse umdenken, sie sei nun Mutter – und zwar ein Leben lang. Mary bietet Rosalie an, dass sie mit ihrem Töchterchen täglich ins Yach’il Antzetic kommen kann. Hier bekäme sie zu Essen und müsste die Tage nicht auf der Strasse verbringen, auch Windeln dürfte sie vom Hogar benutzen. Sie könnte den Kleiderbazar betreuen und die Hälfte der Einnahmen aus dem Verkauf der Secondhandkleider für sich behalten. Wenn Kurse oder Workshops stattfinden, könnte sie daran teilnehmen um sich persönlich weiter zu entwickeln.

Wochenbettkontrolle

Als Nächstes schauen Mary und ich das kleine Mädchen genauer an und beraten Rosalie bezüglich der Nabelpflege der Kleinen. Wir machen sie auf deren Gelbsucht aufmerksam und sagen ihr, was sie dagegen tun kann. Auch möchten wir uns noch ein Bild machen wie sich Rosalies Körper nach der Geburt zurückbildet. Nach einer langen Stillmahlzeit macht sich Rosalie wieder auf den Weg. Wir verabreden uns für den folgenden Tag.

Wenn Kinder verschenkt werden

Am nächsten Tag taucht Rosalie nicht im Yach’il Antzetic auf. Wir hören auch später nichts mehr von ihr. Mary hofft, dass Rosalie ihre Tochter nicht „verschenkt“ hat. Sie erzählt mir, dass dies hier vorkommt. Abnehmer, die das Kind zur Adoption weitervermitteln, fänden sich immer, sagt Mary. Dies geschehe alles mit gefälschten Papieren. Die Kinder würden im Ausland landen oder in Mexiko bleiben. Seine leibliche Mutter später wieder zu finden – geschweige denn den Vater – sei oft ein Ding der Unmöglichkeit. Ich hoffe für die kleine Valeria*, dass ihre Mutter eine andere Lösung gefunden hat.

* Namen geändert

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