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Bräuche und Mythen

Zur Auflockerung ein Sammelsurium von ungesichertem Alltagswissen – böse Zungen nennen es Aberglaube – aus dem Nähkästchen der hiesigen Hebammen.


Während einer Hebammenfortbildung fragte ein partero (ja, ein Mann! Aber das ist eine andere Geschichte), wo er denn die Nabelschnur des Neugeborenen jeweils durchtrennen müsse. Ach ja, das ist ja auch eine ungeklärte Frage meinerseits, kam es mir in den Sinn. Und war gespannt auf die Antworten, die ich euch hier gerne zusammentrage.

Wie lang soll der Nabelschnurrest sein?

Eine Hebamme sagte mit einem Augenzwinkern, bei einem Mädchen soll der Nabelschnurrest mindestens 4 Fingerbreiten betragen. Wird die Nabelschnur kürzer geschnitten, wird sich das Mädchen später einmal von ihrem Mann trennen, da die Ehe nicht funktioniert.
Eine andere Hebamme erzählte, man müsse eine ganze Handspanne als Rest stehen lassen. Werde dies nicht eingehalten, habe das Kind später einmal keinen Erfolg in seinem Leben – egal ob Mädchen oder Junge.

Zur Veranschaulichung: eine Handspanne
Zur Veranschaulichung: eine Handspanne

Ich blickte dann schockiert in die Runde und meinte: „Ui, wie viele zukünftige Ehen und erfolgreiche Leben ich wohl bereits zerstört habe in der Schweiz?“ Endlich ist geklärt, weshalb wir in der Schweiz eine Scheidungsrate von über 50% haben!

Wohin mit Nabelschnur und Placenta?

Fällt der Nabelschnurrest dann endlich ab, muss man diesen möglichst weit hinauf in einen Baum werfen. Je weiter oben er hängen bleibt, umso erfolgreicher wird das Kind in seinem Leben sein. Es gibt Familien, die dasselbe mit der Placenta machen. Meine Hebammenkollegin Mary erinnert sich, dass sie es als Kind immer ein bisschen eklig fand, wenn wieder mal eine Placenta in den Bäumen hing und das Blut so vor sich hintropfte auf den Waldboden hinunter.
Nun, bei nur einem einzigen Baum auf dem Geburtshausgelände bin ich froh, dass wir diesen Brauch nicht pflegen und die Placenten stattdessen vergraben. Zudem ist dieser Baum nicht mal sonderlich hoch, die Yach’il Antzetic-Kinder hätten also wenig Aussicht auf ein erfolgreiches Leben.

Mädchen, tu dies nicht!

Und als ob es in den Mädchenleben der mexikanischen Kultur nicht schon genügend Vorschriften gäbe, hier eine weitere: Mädchen sollten darauf achten, dass sie beim Essen von hartgekochten Eiern deren Schale nicht mit dem Löffel auskratzen. Tun sie dies doch, laufen sie bei späteren Geburten Gefahr, dass sich ihre Placenta nicht von der Gebärmutter lösen kann.

Mal sehen, was mir sonst noch so begegnen wird in Sachen kultureller Gepflogenheiten in der Geburtshilfe Mexikos.

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