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Vorwärtsgehen

Im Geburtshaus vergeht fast kein Tag ohne Offenbarungen. Mit dem Zusammenleben und dem wachsenden Vertrauen fallen die Masken. Persönliche Geschichten dringen an die Oberfläche – nicht immer sind sie schön. Ich höre oft zu und versuche die Hand zu reichen in diesem rutschigen Gelände mit all den traumatischen Erinnerungen…


Und allmählich beginne ich zu erahnen, dass es der Name des Geburtshauses wirklich in sich hat. Yach’il Antzetic – neue Frauen. Wer eine Zeit in diesem Haus gelebt hat, geht wohl wirklich als neue Frau daraus hervor. Und damit meine ich nicht nur die „Klientinnen“.

Beim Knüpfen von Armbändern sich Geschichten aus dem Leben erzählen
Beim Knüpfen von Armbändern sich Geschichten aus dem Leben erzählen

Vergangenheit

Im Moment lebt auch eine junge Frau bei uns, die nicht schwanger ist. Das Geburtshaus bietet ihr eine Übernachtungsmöglichkeit für die Wochenenden. Aufgewachsen ist Flavia* in einem Dorf und ihre Kindheit war alles andere als glücklich. Ihr Vater war sehr gewalttätig. Um ihm zu entrinnen verbrachten die Kinder und ihre Mutter die Nächte oft irgendwo draussen, versteckt in den Feldern. „Wenn wir Glück hatten, konnte unsere Mutter vorher ein paar Wolldecken draussen verstecken, damit wir nicht so kalt hatten in der Nacht.“ erzählt mir Flavia. Schläge gehörten zur Tagesordnung, vielfach wussten die Kinder gar nicht wofür sie diese kassierten.
Mit 7 Jahren lief das kleine Mädchen von zu Hause weg, nachdem es zu einem Eklat mit ihrem Vater gekommen war. Dieser hätte sie fast getötet mit seiner “machete” (langes Buschmesser). Hier wendet sich das Blatt ihrer Geschichte, wie sie es selbst beschreibt. Mit der Hilfe ihrer Schwester lernte das Mädchen ihre “zweiten Mütter” kennen. Frauen, die hier in San Cristóbal ein Kinderheim leiteten und Flavia wie ihr eigenes Kind behandelten. „Ich weiss nicht, woher sie die Geduld mit mir nahmen. Stück für Stück haben sie mir Spanisch beigebracht (vorher sprach das Mädchen nur Tzeltal). Haben mir immer wieder erklärt, dass man miteinander sprechen muss um Probleme zu lösen. Sie haben mich nie geschlagen.“

Im Hier und Jetzt

Inzwischen absolviert Flavia das Gymnasium. Ihr Traum ist es, Pflegefachfrau zu werden. „Als Kind habe ich von allen Seiten immer wieder gehört, dass ich eine „tonta“ (Idiotin) und zu nichts nutze sei. Irgendwann glaubte ich selbst, dass dies stimmt. Heute weiss ich, dass ich intelligent bin und bereits sehr viel gelernt habe in meinem Leben.“
Wenn Flavia an den Wochenenden im Geburtshaus lebt, nimmt sie auch an unseren Workshops teil. In einem davon geht es um das Thema Liebe. Dieses Thema hat Flavia sehr bewegt. „Ich habe lange nachgedacht.“ hat sie mir erzählt. „Und ich habe mich an keinen Moment erinnern können, in dem ich Liebe gespürt hätte von meinen Eltern. Vielleicht habe ich es vergessen, aber ich kann mich an keine Umarmung erinnern.“

einer von vielen Workshops - nachdenken über die Liebe
einer von vielen Workshops – nachdenken über die Liebe

Wenn Veränderung geschieht

Der “Lebensrucksack” unserer Frauen wiegt oftmals schwer, fast alle haben sie Gewalt erlebt. Und auch sonst wurden sie vom Leben nicht gerade verwöhnt. „Poco a poco seguimos adelante“ – Stück für Stück gehen wir vorwärts, sagen sie immer wieder und bestärken sich gegenseitig. Es ist schön zu sehen, dass Veränderung möglich ist. Dass „Familientraditionen“ von Gewalt unterbrochen werden können. Dass sie mit ihren Kindern anders umgehen möchten als sie selbst es erfahren haben. Und dass auch in schwierigen Situationen Entscheidungen möglich sind. Entscheidungen für das Positive, für die Liebe, für ein besseres Leben.

Blick in die Zukunft

Bevor die Frauen das Geburtshaus wieder verlassen, findet ein kleines Abschiedsritual statt. Nicht immer verlassen sie uns mit einem klaren Ziel. Aber doch mit einer Perspektive.
So zum Beispiel Manuela*. Kurz vor ihrer Heirat war sie von einem anderen Mann vergewaltigt worden. Sie merkte lange nicht, dass sie dabei schwanger geworden war. Ein paar Monate nach der Hochzeit trennte sich ihr Ehemann von ihr da er sich betrogen fühlte aufgrund Manuelas Schwangerschaft.
Als Manuela im achten Monat ihrer Schwangerschaft zu uns kam, spürte sie die Bewegungen ihres Kindes kaum. Sie verdrängte die Tatsache, dass sie bald Mutter werden würde. Das Kind wollte sie zur Adoption freigeben. Im Geburtshaus begann sie, sich mit ihrer Situation auseinander zu setzen. Wunden aus der Vergangenheit brachen auf, um danach allmählich zu verheilen. Manuela erlebte die anderen frischgebackenen Mütter mit ihren Babys und begann mit der Zeit, ihr eigenes Kind im Bauch wahrzunehmen. Es schien als knüpfe sie zögerlich aber stetig ein vorsichtiges Band von Beziehung zu ihrem Ungeborenen. Eines Tages traf sie eine Entscheidung die uns alle überraschte. „Ich will mein Kind behalten.“ teilte sie mir mit.

ja, Momente wie diese berühren nicht nur Manuela
Momente wie dieser berühren nicht nur Manuela

Ein paar Tage später rief ihr Ehemann an und entschuldigte sich bei Manuela für sein Verhalten. Er möchte wieder mit ihr zusammenleben, sagte er. Und das Kind würde er wie sein eigenes behandeln, teilte er ihr mit. Manuela sieht inzwischen eine Perspektive für ihre Zukunft und geht Stück für Stück vorwärts – wenn auch noch auf etwas wackligen Füssen.

Dank Körperarbeit sich selbst und sein Baby spüren
Dank Körperarbeit sich selbst und sein Baby spüren

* Namen geändert

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